Napoleon, der Zucker und die Bahn

Alte Rübenbahn-Trassen touristisch zu neuem Leben erwecken

Ein Artikel von Frau Dr. Angelika Halama aus dem Mecklenburg-Magazin der SVZ, der NNN und des Nordkuriers vom 26. Mai 2006

Als Napoleon bei der Eroberung Europas 1807 die Kontinentalsperre verhängte, war für die bürgerlichen Schichten Mitteleuropas das Süße Leben zu Ende: Die Sperre verhinderte die Einfuhr von Zuckerrohr aus Übersee.

1784 griff der Preuße Franz Carl Achard die Idee seines Lehrers Marggraf auf, aus Runkelrüben Zucker herzustellen. 1801 gründete er die erste Rübenzuckerfabrik in Kunern / Niederschlesien. Gefördert durch Napoleons Kontinentalsperre, begann der Siegeszug des Rübenzuckers. Aber noch in der Biedermeierzeit war Zucker so kostbar, dass silberne Zuckerdosen abschließbar waren.

Der Zuckerrübenanbau in Mecklenburg begann relativ spät, erst in der Mitte der 1879er-Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die deutsche Rübenzuckerindustrie bereits etabliert und den Weltmarkt erobert. Zur Verarbeitung der Zuckerrüben wurden die Zuckerfabriken, zumeist als Aktiengesellschaften, vorwiegend von Gutsbesitzern gegründet.

1872 entstand die erste mecklenburger Zuckerfabrik auf dem von der Rostocker Zuckerfabrik AG erworbenen Rittergut Groß Lüsewitz. Die erste Fabrik größeren Stils wurde 1873 in Dahmen gebaut, weitere folgten. Der Bau von Zuckerfabriken wirkte in mehrfacher Hinsicht positiv auf das Land: Die Rüben konnten gewinnbringend verkauft werden, die Abfallprodukte ergaben zusätzliches Viehfutter, die Fabriken boten Beschäftigung im Winter. Zudem wurde die Infrastruktur verbessert: Die Bahnnebenstrecke Rostock-Tessin wurde wegen des Zuckerrübentransportes gebaut.

Pflichtrüben und Überrüben

Alle an einer Zuckerfabrik Beteiligten mussten sich zum Anbau von Zuckerrüben verpflichten. Wie stark der Anteil der Großgrundbesitzer an den Zuckerfabriken war, zeigt das Beispiel der Zuckerfabrik Waren/Müritz. Dort waren 89,98 Prozent der Aktien in der Hand dieser Personengruppe, den größten einzelnen Anteil hielt Freiherr von Maltzahn auf Puchow mit 6,19 Prozent.

Die zuletzt gebaute und modernste war die Zuckerfabrik Tessin. Sie wurde am 18.Juni 1894 von 39 Gesellschaftern gegründet, darunter die Besitzer der 23 Rittergüter Dalwitz, Dammerstorf, Dettmannsdorf, Friedrichshof, Helmstorf, Kölzow, Kucksdorf, Polchow, Reddershof, Rensow, Reppelin, Groß Ridsenow, Klein Ridsenow, Schabow, Selpin, Starkow, Thelkow, Vietschow, Vilz, Klein Wehnendorf, Wendfeld, Neu Wendorf und Wöpkendorf.

Die Gesellschaft wurde auf 20 Geschäftsjahre gegründet, die Gesellschafter hatten 1,2 Millionen Mark eingelegt. Jeder Gesellschafter verpflichtete sich, alljährlich für je 100 Mark seiner Stammeinlage einen Morgen (ca. 2550 qm, 1 ha= 10 000 qm) mit Zuckerrüben zu bebauen und das gesamte Rübenquantum an die Fabrik zu liefern. Diese bezeichnete man als Pflichtrüben. Für den Transport gewährte die Fabrik eine Frachtvergütung.

Nach entsprechender vorheriger Vereinbarung mit der Fabrik konnten jedoch auch mehr Rüben angebaut werden. Diese über die Pflichtrüben hinaus gelieferten Rüben bezeichnete man als Überrüben, wobei man gleiche Qualität bei beiden Kontingenten voraussetzte.
1895 wurde die Zuckerfabrik erbaut, am 18.September 1896 war Schlüsselübergabe. Sie war die erste Zuckerfabrik Deutschlands, die auf dem Einzelantrieb durch Elektromotoren basierte. 1990 stillgelegt, gehört sie zu den 100 wichtigsten technischen Denkmälern Mecklenburg-Vorpommerns.

Demontage nach 1945

Da die Rübe als letzte Frucht des Jahres geerntet wude, gab es ein Problem: Wie die großen Mengen Rüben mit Pferd und Ackerwagen ohne die heutige Gummibereifung zur Fabrik transportieren? Die Lösung wurde in der Feldbahn gefunden. Es gab sie in zwei Ausführungen:
Die eine Variante, für die Ernte, bediente sich frei nach Bedarf verlegbarer Gleise, auf denen die Wagen von Pferden gezogen wurden. Die andere Spielart mit fest verlegten Gleisen wurde, wie alte Meßtischblätter zeigen, auch innerbetrieblich genutzt, etwa zwischen Gütern und Vorwerken.
Vorwiegend aber stellten diese Schmalspurbahnen die Verbindung zur nächsten Bahnlinie und damit zur nächsten Bahnlinie und damit zur Zuckerfabrik her, wie z.B. die Dölitz-Grammower Bahn: Vom Haltepunkt Dölitz der Strecke Teterow-Gnoien führte 1898 eine schmalspurige Nebenbahn, die "Dölitz-Grammower Rüben-Eisenbahn" über Groß Nieköhr und Samow bis nach Grammow. Sie verband die Güter Samow, Behren-Lübchin, Viecheln, Groß, Klein und Neu Nieköhr, Alt Stassow, Grammow und Nustrow mit der 1884-89 entstandenen Zuckerfabrik Teterow.
In einer Aktennotiz von 1904 wurde sie als öffentlich und zur Großherzoglichen Friedrich-Franz-Bahn gehörig bezeichnet, 1932 als Straßen und Wirtschaftsbahn im Meßtischblatt wie die übrigen Feldbahnen dargestellt. Nach 1945 wurde die Bahnstrecke zum Abtransport in die Sowjetunion demontiert, die Trasse ist vielerorts noch gut zu erkennen und wird teilweise als Weg benutzt.

Denkmäler neu nutzen

Im Fall Tessin wurde gleichzeitig mit dem Bau der Fabrik die 65 km lange Rübenbahn in Betrieb genommen. Die Schmalspurbahn Tessin GmbH verband in mehreren Strängen  die Güter Stierow, Dalwitz und Stechow, Vietschow und Rensow, Groß Ridsenow, Klein Ridsenow und Polchow, Wesselstorf, Wilhelmshof, Selpin, Reddershof, Starkow, Thelkow, Kowalz und Vilz, Zarnewanz und Gnewitz mit der Zuckerfabrik und nahm am 12.Dezember 1896 den Betrieb auf. 1897 kam ein Gleisanschluss nach Walkendorf hinzu.
Auch das jetzt wüste Friedrichshof wurde noch angeschlossen. Die Tessiner Bahn stellte um 1962 den Betrieb ein und wurde demontiert. An vielen Stellen kann man auch ihre Spuren noch erkennen.
Die Rübenbahnen erinnern an die Zeit, als es Lastkraftwagen noch nicht gab und Feldbahnen für die Verbindung der Güter mit ihren Absatzmärkten von entscheidender Bedeutung waren. Die Rübenbahntrassen als Industrie- und Verkehrsdenkmale könnten heute als Rad- und Wanderwege dem Tourismus wertvolle Dienste leisten.